Ruhe für die Bronchien
Hustenlöser im Praxis-Test
LEIPZIG - Werden Patienten immer wieder von Hustenattacken geschüttelt, wollen sie meist schnelle Hilfe in Form von Pillen oder Säften. Was aber darf von den diversen Hustenblockern und Expektoranzien überhaupt erwartet werden? Prof. Adrian Gillissen, Leipzig, nahm die Substanzen kritisch unter die Lupe.
Will man Husten stoppen, sollte man ihn - falls möglich - kausal angehen. D.h. eventuell den ACE-Hemmer absetzen, eine vorhandene Refluxösophagitis behandeln und den Patienten dazu bringen, mit dem Rauchen aufzuhören, schreibt der Kollege vom Städtischen Krankenhaus St. Georg, Leipzig, in der Zeitschrift "Der Internist". Meist wird man jedoch auf die unspezifische Therapie angewiesen sein. Entweder kann man den Hustenreflex zentral oder durch Hemmung der peripheren Dehnungsrezeptoren unterdrücken oder das Abhusten durch Verflüssigen des Sekrets erleichtern.
Nicht wirksamer als Sirup?
Als Standardtherapeutikum beim trocknen Hustens gilt das Kodein. Sein klinischer
Effekt ist allerdings nicht unumstritten, betont Prof. Gillissen. Zwar bescheinigen
zwei neuere, nicht plazebokontrollierte Studien dem Kodein eine gute antitussive
Wirkung. Sowohl eine Untersuchung an 91 Patienten mit Infektionen der oberen
Atemwege als auch eine Nachfolgestudie zeigten jedoch, dass 30 mg Kodein
in 10 ml Sirup keinen größeren antitussiven Effekt als der Sirup
allein hatten. Auch bei Kindern mit nächtlichem trocknem Husten brachte
die Substanz keinen signifikanten Vorteil.
Hustenfrequenz nimmt ab
Für den zentralen Hustenblocker Dextromethorphan, der nicht zu den
Narkotika zählt und kein Suchtpotenzial hat, wurde die Wirksamkeit
u.a. in einer randomisierten Doppelblindstudie an über 200 Patienten
mit moderatem nicht-produktivem Husten belegt. Hustenfrequenz und -intensitiät
ließen sich unter dreimal 15 mg Sirup über fünf Tage signifikant
reduzieren.
Auch für das Dropropizin existieren positive Studien. Dem Noscapin wird eine antitussive Wirkung zugeschrieben, die der von Kodein entspricht, so der Kollege. Zu Clobutinol findet man nach seiner Aussage nur wenige Studien. Immerhin konnte aber in einer nicht plazebokontrollierten Untersuchung an 60 Patienten mit verschiedenen Hustenformen ein signifikanter Einfluss auf Frequenz und Intensität der Beschwerden nachgewiesen werden. Kaum gesicherte Literaturdaten gibt es zur hustenreduzierenden oder -blockierenden Wirkung von Pentoxyverin, Menadioldiphosphat, Pipazetat und Benproperin, schreibt Prof. Gillissen.
Für den Schleimlöser Acetylcystein (NAC) wurden vor allem in den 80er Jahren positive Effekt beschrieben. Unter anderem wurde gezeigt, dass 600 mg NAC sowohl bei Nichtrauchern als auch Patienten mit chronischer Bronchitis die mukoziliäre Clearance fördern. Außerdem gibt es Hinweise, dass die Substanz bei chronischer Bronchitis die Exazerbationsrate im Winter und damit die Behandlungskosten senkt. Andere Studien fanden dagegen keine signifikante Wirksamkeit, so dass die Therapie mit NAC bisher nicht in die offiziellen Therapieempfehlungen für die chronisch-obstruktive Bronchitis aufgenommen wurde.
Deutlich magerer fällt die Datenlage für Carbocistein aus, so die Einschätzung von Prof. Gillissen. Immerhin gibt es jedoch eine randomisierte und plazebokontrollierte Doppelblindstudie mit 662 COPD-Patienten über sechs Monate, die der Substanz eine signifikante Minderung der Exazerbationsraten bescheinigte. Für Bromhexin, Ambroxol und Guaifenesin existieren wiederum nur widersprüchliche Studien, für Diphenhydramin ist die Datenlage unzureichend, so das Urteil des Experten.
Patienten schätzen Linderung
Auch wenn die Wirksamkeit der meisten Hustenmittel nicht eindeutig wissenschaftlich
belegt ist - die Patienten empfinden ihre Einnahme zumeist als lindernd,
betont der Kollege. Nach seiner Meinung spricht deshalb nichts dagegen,
einen als quälend empfundenen akuten trockenen Husten über vier
bis acht Wochen mit Hustenblockern zu behandeln oder bei produktivem Husten
über einen begrenzten Zeitraum ein Mukolytikum einzusetzen.
MTD, Ausgabe 12 / 2001 S.6, MW - Quelle: A. Gillissen, Städtisches Krankenhaus St. Georg, Robert-Koch-Klinik, Leipzig, et al.; Der Internist, Jg. 42, Heft 1 (2001), S. 134 - 142,