Trotz Atemnot in dünne Luft
Dürfen Lungenkranke fliegen?
GERUNGEN - Schon auf der Erde von Luftnot geplagt, aber trotzdem hoch in die Lüfte steigen - das kann Probleme geben. Zwar hat die Lunge riesige Reserven, und ein leichter Abfall der Sauerstoffsättigung wird meist gut toleriert; trotzdem sollte in manchen Fällen lungenkranken Patienten von einer Flugreise eher abgeraten werden.
Obwohl Lungenerkrankungen relativ häufig sind, führen pneumologische Komplikationen nur sehr selten zu Notfällen während des Fliegens. Der Sauerstoffdruck ist in der Kabine 15 bis 20 mmHg niedriger als auf der Erde, was zu entsprechender Senkung des 0,-Partialdrucks führt, erläuterte Professor Dr. RAINER DIERKESMANN, Klinik Schillerhöhe Gerlingen. Doch selbst bei krankheitsbedingter Verringerung der Gasaustauschfläche um ein Drittel kann dieses Defizit in Ruhe durch Veränderung der kapillären Kontaktzeit kompensiert werden.
Stellt sich tatsächlich eine Hypoxämie ein, so verursacht diese per se keine Atemnot, sondern führt eher zu einer Art Euphorie. Selbst relativ niedrige O2-Partialdrücke von 60 mmHg werden in der Regel noch problemlos toleriert, sagte der Pneumologe im Gespräch mit Medical Tribune.
Blutgasanalyse entscheidet
Liegt aber z.B. bei einem Patienten mit chronisch obstruktiver Bronchitis der Sauerstoff-Partialdruck schon auf der Erde nur bei 60 mmHg und sinkt dann im Flugzeug auf Werte unter 50 mmHg, kann es gefährlich werden - insbesondere wenn zusätzliche Erkrankungen wie eine KHK oder zerebrale Durchblutungsstörungen bestehen, betonte Prof. Dierkesmann.
Die einfache Spirometrie reicht zur Erfassung der besonders gefährdeten Patienten nicht aus. Genauere Aussagen erlaubt die Blutgasanalyse, die meist von Lungenfachärzten durchgeführt wird. Bei Werten unter 60 mmHg sollte der Patient nur fliegen, wenn ein entsprechendes Sauerstoffgerät während des Fluges zur Verfügung steht. Dies muß bei der Fluggesellschaft vorher angemeldet werden, da eigene Geräte wegen der Explosionsgefahr grundsätzlich nicht mit an Bord genommen werden dürfen und die über dem Sitz baumelnden Sauerstoffmasken nicht ausreichen, wie der Kollege ausführte.
Mit Emphysem auf dem Boden bleiben
Gänzlich vom Fliegen abraten muß man Atemwegskranken mit nicht mehr ausgleichbarer Hypoxie oder Patienten mit Pneumonie, bei der das entzündliche Sekret mehr oder weniger große Teile der Lunge bezüglich der Atmung "ausschaltet". Auch Patienten mit ausgeprägtem Emphysem oder Pneumothorax sind nicht flugtauglich, da sich die Luft in großer Höhe auf das 1 1/2fache ausdehnen und erhebliche mechanische Probleme verursachen kann. Auch Patienten mit offener Lungentuberkulose sollten das Flugzeug meiden, im Interesse der Mitreisenden: Durch die zirkulierende Luft werden die Tuberkel in der Kabine verstreut.
Ein zusätzliches Problem kann bei eingeschränkter Atemkapazität ein Meteorismus bereiten, der bei höhenbedingter Ausdehnung der Luft das Zwerchfell nach oben drückt. Entblähende Mittel, Aufstehen und etwas Bewegung können hier vielleicht helfen, meinte Prof. Dierkesmann. Zu einem dramatischen Abfall des Sauerstoffdrucks kommt es eventuell bei Schlaf-Apnoe-Patienten, wenn sie einnicken - auch wenn die aufrecht sitzende Position einen gewissen Schutz bietet. Notfalls sollten sich diese Patienten regelmäßig von der Stewardeß wecken lassen. Asthmatiker können nach Meinung des Pneumologen relativ unbesorgt in den Flieger steigen - die Luft ist hier meist wesentlich besser als auf der Erde. (MW)